• 30.09. - 02.10.2021
  • Messe Wien

12.04.2021

Mentale Widerstandskraft: Warum Resilienz im Umgang mit Stress hilft

Immer mehr Menschen haben stressbedingte Beschwerden. Vor allem am Arbeitsplatz werden die Probleme im Stressmanagement deutlich. Wie wichtig Resilienz im Umgang mit Stress ist.  

© shutterstock / lassedesignen
Die innere Haltung ist entscheidend dafür, wie wir mit Stress umgehen.

Leistungsdruck, zu hohe Anforderungen, schwierige Kollegen und Kunden, Überstunden – alles Faktoren, die zu Stress führen können. Covid-19 und die Nebenwirkungen noch oben drauf. Vor allem die Belastung für Apotheker ist derzeit enorm. Kunden wollen Gratis-Tests, Beratung und auch Seelensorge. Was genau Stress bedeutet und wie Resilienz hilft, darüber hat sich Reed Exhibitions mit Alexandra Cech, Systemische Coachin, Business Coachin und Lebens- und Sozialberaterin unterhalten.

Reed Exhibitions: Frau Cech, um einen vernünftigen Umgang mit Stress zu finden, ist es zuerst einmal wichtig, Stress zu verstehen. Was genau ist Stress?

Alexandra Cech: Stress ist eine Empfindung, die sich auf körperlicher Ebene etwa durch Anspannung, erhöhte Pulsfrequenz oder Herzklopfen ausdrückt und auf neuronaler Ebene zu erhöhter Aufmerksamkeit und Fokussierung führt. Das heißt, Stress aktiviert uns, damit wir schnell auf Gefahren reagieren und entscheiden können, ob wir flüchten, kämpfen oder erstarren – je nachdem, wer unser Gegner ist. Das ist die „Urfunktion“, die auch in unserer heutigen Zeit mit völlig anderen Bedingungen noch wirkt. Die Herausforderung, vor der wir heute stehen, ist nicht, dass wir Stress haben, sondern hängt mit der Dauer zusammen, in der wir unter Strom stehen und Druck empfinden, während Erholungs- und Entspannungsphasen zu kurz kommen.

Das bedeutet, jeder von uns kann Stress unterschiedlich wahrnehmen?

Cech: Die körperlichen Reaktionen können als positiv oder negativ erlebt werden, je nachdem, in welcher Situation wir uns befinden – und vor allem wie lange. Wenn wir uns auf eine Prüfung vorbereiten, berufliche Projekte umsetzen, uns sportlich betätigen oder ein privates Großereignis wie eine Hochzeit planen, dann ist das mit körperlicher und psychischer Anspannung verbunden. Wir arbeiten auf ein Ziel hin und dazu brauchen wir erhöhte Aufmerksamkeit und Fokus.

Also gibt es guten und schlechten Stress?

Cech: Genau, man unterscheidet zwischen Eustress und Distress, also positivem und negativem Stress. Positiver Stress hilft uns dabei, unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen und Ziele zu erreichen. Sind wir mit Situationen konfrontiert, die uns überfordern, denen wir uns nicht gewachsen fühlen oder fehlt uns die Zeit für Ruhephasen und Pausen, steigt unsere Stressbelastung. Dann wird Eustress zu Distress. Negativer Stress blockiert, verunsichert, erzeugt Unruhe und auch Ängstlichkeit.

 

© Nina Rechnitzer
"Beim Stressempfinden geht es immer um die Balance zwischen Entspannung und Anspannung", so Alexandra Cech, Systemische Coachin bei Herzvisionen.

„Guter“ Stress hält uns somit auf Trab. Ist damit auch das Lernpotenzial bei der Arbeit gemeint?

Cech: Positiver Stress ist hilfreich, um Neues zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Folgt aber nach der Anspannung keine Entspannung, jagt eine Herausforderung die nächste, ohne dass wir dazwischen zur Ruhe kommen, wird die konstante Anspannung zur Belastung, sowohl für unseren Körper als auch für unsere Psyche, und kann unter Umständen zum Burnout führen. Umgekehrt gilt, wenn wir keine Herausforderungen haben, uns nichts in Spannung versetzt und wir über einen langen Zeitraum unterfordert sind, dann können wir unsere Motivation verlieren, unsere Freude und Energie. Langweile tritt ein, möglichweise ein Boreout. Es geht also immer um die Balance zwischen Anspannung und Entspannung.

Belastungen in der Arbeit werden auch als Stressoren bezeichnet. Welche Auslöser für Stressoren gibt es?

Cech: Wir alle haben unterschiedliche Belastungsgrenzen. Was für manche Stress erzeugt, muss nicht für andere gelten. Dennoch zählen konstanter Zeit- und Termindruck, das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, Druck von Vorgesetzten und/oder Kollegen und, vor allem bei Frauen, aber mittlerweile auch bei Männern, die Doppelbelastung durch Arbeit und Familie zu den häufigsten Einflussfaktoren, die man als Stressoren bezeichnen kann. Aber auch unsere innere Haltung, also wie wir mit Druck umgehen, spielt eine wesentliche Rolle.

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Wertschätzung und Anerkennung, das Gefühl, einen wertvollen Beitrag zu leisten, dazuzugehören und wahrgenommen zu werden, motiviert und bringt Freude in ein Team.

Inwiefern kommt es auf die eigene Haltung und innere Einstellung an, wie wir mit Stress umgehen?

Cech: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Kaum haben wir ein Ziel erreicht, wartet das nächste und wir laufen schon wieder los. Viele von uns haben mitunter dadurch innere Überzeugungen und Glaubenssätze entwickelt, die Stress noch verstärken können, etwa „Wenn ich nicht leiste, bin ich nichts wert“, „Ich muss immer schnell sein“ oder „Ich muss immer alles richtig und perfekt machen“. Diese inneren Antreiber können im Zusammenspiel mit steigendem Druck und unterschiedlichen Anforderung von außen Stress erhöhen und damit zu negativem Stresserleben führen.

Wie kann man sich gegen solche Stressoren wappnen?

Cech: Wichtig ist, die eigenen Grenzen zu kennen und auf sich selbst zu hören, Nein und Stopp sagen zu können, wenn es einem zu viel ist, und bewusste Pausen und Ruhephasen ohne schlechtes Gewissen einzulegen. Klingt einfacher als es oftmals ist. Noch schwieriger ist es, wenn wir mit plötzlichen Veränderungen oder Verlust konfrontiert werden. Viel hängt dabei auch von der psychischen bzw. mentalen Widerstandkraft ab, also der eigenen Resilienz.

Wie stärkt man die eigene psychische Widerstandskraft?

Cech: Resilienz hat viel mit Loslassen zu tun und damit, den Blick nach vorne zu richten, im Vertrauen darauf, dass es nach jeder Talfahrt wieder aufwärts geht. Wie sagt man so schön: Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen. Es geht darum, zu akzeptieren und anzunehmen, was ist, und herauszufinden, was man selbst ändern kann und was nicht. Stärkend ist es, Dinge zu tun, die man gerne tut, sich mit Menschen zu umgeben, die einem gut tun, und vor allem sich selbst liebevoll zu begegnen. Bewegung an der frischen Luft und Lachen hilft, aber auch Achtsamkeitsübungen und Meditation, um bewusst ins Jetzt zu kommen und Gedanken an gestern oder morgen für eine Zeit lang ruhen zu lassen.

Wie kann ein zu viel an Stress beim Kollegen erkannt werden?

Cech: Negativer Stress kann sich auf vielfältige Weise zeigen, aber grundsätzlich ist vermehrt auftretendes untypisches Verhalten ein Indikator. Wenn jemand zum Beispiel plötzlich öfter unruhiger oder aufgeregter ist als üblicherweise, oder sich zurückzieht und weniger lächelt, oder sich bei ansonsten sehr genau arbeitenden Kollegen vermehrt Fehler einschleichen oder sie vergesslicher sind als man es von ihnen gewohnt ist.

Wie kann ich mein ganzes Team resilienter machen?

Cech: Voraussichtlich wird jedes Teammitglied etwas anderes brauchen, um die eigene Resilienz zu erhöhen. Wichtig ist es, miteinander in Kontakt zu sein, ein offenes Ohr für die Anliegen der Mitarbeiter zu haben sowie positive Kommunikation und Klarheit über Ziele und Aufgaben. Wertschätzung und Anerkennung, das Gefühl, einen wertvollen Beitrag zu leisten, dazuzugehören und wahrgenommen zu werden, motiviert und bringt Freude ins Miteinander.

 

Vielen Dank für das Gespräch! Das Gespräch führte Kathrin Kremser, Content & PR-Manager